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Den Sammlerinnen

März 9, 2011

In Deutschland wird gestritten, ob man unbedingt einen Weltfrauentag braucht. So langsam hat es sich ja fast, zumindest auf den ersten Blick, mit dem schädlichen Sexismus und auch der Teil der weiblichen Welt, dem nicht entgeht, dass wir immer noch weniger verdienen als Männer oder bei der Jobsuche benachteiligt werden, weil man uns die lästige „Angewohnheit“ nachsagt, Kinder zu kriegen, zweifelt häufig, dass ein Geschlechtsunterschiedsgedenktag hier Abhilfe schaffen kann.
Ein wenig Huldigung haben wir offengestanden ja schon verdient, schließlich tragen wir unbestreitbar mehr zum Fortbestand der Menschheit bei, als die Männer: Die Zeiten, in denen er das Essen jagte, während sie die Kinder hütet sind lange vorbei. Frauen heute jagen, sammeln, stillen, putzen und denken und während die meisten dieser Tätigkeiten auch von Männern ausgeübt werden, bleibt uns das Kinderkriegen und die damit verbundene Arbeit, die uns nie ein Mann wird abnehmen können, alleine vorbehalten (Filme mit Arnold Schwarzenegger und bizarre medizinische Experimente ausgenommen).
Aber so unterm Strich kann die deutsche Frau nicht allzu laut klagen. Im internationalen Vergleich. Und es ist ja der WELTfrauentag.
Frauen in Peru stehen um 5h morgens auf, um für Ehemann und Kinder zu kochen. Gehen dann den ganzen Tag arbeiten. Kommen irgendwann um 21h nach hause. Kochen. Schauen die Hausaufgaben der Kinder nach. Erledigen Papierkram für die Kinder, telefonieren mit Lehrerinnen und was auch immer anfallen mag. Putzen. Schlafen. Stehen um 5h morgens auf.
Dieser Tagesablauf ist so tatsächlich typisch für die meisten meiner peruanischen Kolleginnen. Ebenfalls typisch ist, dass der Ehemann gleichzeitig zwar auch arbeiten geht. Während sie aber kocht, liegt er noch im Bett. Und während sie abends die Kinder versorgt, sitzt er auf der Couch und sieht fern. Und wer von den Damen daheim jetzt den Finger hebt und sagen will, dass der Ehemann weniger staubsaugt, als sie: Glaubt mir: Kein Vergleich. Ebenfalls üblich ist nach wie vor, dass sich männlicher Nachwuchs nicht an der Hausarbeit beteiligt. Und männlicher wie weiblicher Nachwuchs lebt in der Regel mit Mitte zwanzig noch bei Mama. Die trotzdem jeden Tag das Essen kocht, mit Sonderwünschen.
So lebt in Peru die Frau der Mittelschicht. Die Frau der Unterschicht hockt den ganzen Tag in einem Bretterverschlag mit zahlreichen Kindern, von denen sie das erste normalerweise mit deutlich unter 20 Jahren bekommen hat. Sie kauft ein, kocht, putzt und versucht, mit Handarbeiten oder ähnlichem noch was dazu zu verdienen. Wenn abends der Mann kommt, wird ihm gegeben was er verlangt und wenn dabei noch mehr Kinder rauskommen, weil er Kondome unmännlich findet, ist das ihr Problem. Ebenso wie Vergewaltigung in der Ehe, steht körperlicher Missbrauch auf der Tagesordnung und wenn er irgendwann mit ihr fertig ist und sich eine Andere sucht, kann die Verlassene gucken wo sie bleibt, denn in Peru zahlt natürlich kein fremdvögelnder Familienvater Unterhalt. Und wer nicht arbeitet, der isst auch nicht. Und wer drei Kleinkinder zuhause hat, stellt fest, dass sich das schwer mit Arbeit auf der Straße kombinieren lässt.
Frauen wird, jedem Vorurteil gerecht, auf der Straße hinterhergepfiffen und im Fernsehen, Zeitschriften oder auf der Restaurantbandbühne treten sie möglichst halbnackt auf. Waschmittel- und Speiseölwerbung wird grundsätzlich nur für Frauen gemacht. Das bedrückende daran ist, dass den meisten nicht klar ist, was daran nicht stimmt.
Wer also zum nächsten Weltfrauentag keine Lust hat, sich über schlechtere Bezahlung von Frauen in „Spitzenpositionen“ zu echauffieren, der möge den Tag denjenigen Frauen widmen, die heute noch schlechter dastehen, als unsere deutschen Mütter und/oder Großmütter vor vielen Jahren und sich über das freuen, was Frauen in Deutschland vor uns erreicht haben.

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Reißende Rote Fluten

März 1, 2011
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Der Countdown läuft. Die Gelegenheiten, Lima vor der endgültigen Flucht zu verlassen, schwinden. Aber wir haben es ein vorletztes Mal geschafft und statt unseres ursprünglichen Reiseziels Huancayo, wo es gerade ziemlich regnet, Lunahuaná angesteuert.
Das ist die zweitgrößte Stadt Perus mit über 2,5mio Einwohnern, die in der europäischen Presse vor Allem Erwähnung wegen zahlreicher Drogenskandale und versehentlicher Morde an Touristen findet. Entsprechend ist sie mit offiziellen Reiseveranstaltern für ausländische Touristen nicht zu erreichen und die Anreise erfordert fortgeschrittene Spanischkenntnisse und gute Verbindungen im limenischen Reisebusbusiness.
Lunahuaná wird trotz ihrer Bedeutung nicht direkt von den Linienbussen aus Lima angesteuert. Stattdessen muss man sich in die ohnehin schon sehr dubiose Av. Mexico begeben, um den nur einmal täglich verkehrenden Bus von Soyuz nach Cañete zu nehmen. An einem gottseidank besonders niedrigen Abschnitt überquert man die Anden und landet nach etwa sechs Stunden in einem Andenausläufer nahe der brasilianischen Grenze. Von dort fährt ein Kleinbus, zu dem einem hinter vorgehaltener Hand die Klofrau lotst, nach Imperial, einem besonders dubiosen Vorort von Lunahuaná. Mit einem weiteren Kleinbus erreicht man über eine sich ewig windende Straße vorbei an mit Graffiti verzierten Baracken und mit lauter Fahrgästen, die man lieber nicht kennen lernen will, das Stadtzentrum von Lunahuaná.

Das Rathhaus von Lunahuaná. Der Platz ist ausgestorben, wer es vermeiden kann, das Haus zu verlassen, lässt es lieber...

Da Touristen hier eher selten aufschlagen, kostet es ein wenig Nerven, eine akzeptable Unterkunft zu finden und Details über die Suche beschreibe ich mit Rücksicht auf die Herzprobleme meiner Mutter an dieser Stelle lieber nicht.
Schließlich gelang es Laura, Melanie und mir jedenfalls, uns für erstaunlich (beängstigend?) kleines Geld in einem Hotel mit Pool einzumieten. Den Empfehlungen des Inhabers zum Trotz machten wir uns auf eigene Faust auf, die Stadt zu erkunden. Nach stundenlangem Marsch durch das weitläufige Zentrum, bei dem wir uns mehr als einmal in eine Hausnische drückten, um den vorbeihuschenden Piranhas nicht aufzufallen, ließen wir uns in einem Lokal nieder und entdeckten, worum es in Lunahuaná eigentlich geht: Den Stoff. Für 12 Soles kann man sich zu dritt den ersten, süßen Schuss geben und nur eine Stunde später fanden wir uns direkt beim Produzenten wieder und deckten uns für den Abend mit „Tia Luas“ Mischung ein. Angesichts der Preise, für die man sich benebeln lassen kann, waren wir erstaunt, so wenige Touristen anzutreffen.

An der Quelle: Während Mel und Laura zurückhaltend auf Bedienung warten, gehen die beiden älteren Damen mit Hut im Hintergrund hart ran und fordern ihren Stoff ein.

Entsprechend aufgeheitert ließen wir uns von einer seltsamen kleinen Frau in einer Nebengasse überreden, am nächsten Morgen an einem River-Rafting-Trip über den Rio Cañete teilzunehmen. Nachdem wir uns und unsere Köpfe nach einem Bad im Hotelpool erfrischt hatten, ging es zum Abendessen ins nächste Lokal und auch hier gab es mit verhuschter Geste geordert nicht nur etwas für den Hunger. Diesmal saßen uns auch einige Möchtegern-Größen aus irgendeiner peruanischen Seifenoper gegenüber: Irgendwer weiß also doch, wie man es sich in Peru gut gehen lässt. Am heimischen Pool brauchten wir unsere „Vorräte“ für den Abend auf und sanken schließlich erschöpft ins Bett.
Am nächsten Morgen wurden wir ungeachtet unseres körperlichen Zustandes zur Rafting-Tour geweckt und in einem klapprigen Bus zu einer versteckten Bucht am Fluss gebracht. Von dort ging es nach einer nicht wirklich ausführlichen Einweisung 40 Minuten über die reißenden Fluten des Cañete.

noch weit weg...

...und wenig später deutlich näher

Laura und ich steuerten danach erstmal wieder unseren „Produzenten“ an und stockten die Vorräte für den Pool auf. Auch Geschenke wurden natürlich reichlich eingekauft.
Den Rest unserer Zeit verbrachten wir am Hotelpool, ehe wir unsere abenteuerliche Heimreise antraten und froh waren, den relativen Frieden und die legalitätsgewogene Sicherheit Limas zu erreichen.
Und was haben wir gelernt: Zu viel Wein macht kreativ, wa. Und für alle dies noch nicht wussten: Lunahuaná ist ein winzig kleines Touristenkaff irgendwo zwischen Cañete und Ica. Die Spezialitäten sind Wein und Flusskrabben. Aber die Krabben paaren sich gerade und deswegen darf man sie nicht essen. Das steht auch an jeder Restauranttür und das im katholischen Peru: Du sollst nichts essen, was sich gerade vermehret! Ich weiß nicht, wie viele Einwohner der Ort hat, aber wir haben sie bestimmt alle getroffen. Außer Weingüter besuchen, Wein trinken, in der Sonne liegen und mit großen Gummibooten auf dem Fluss rumfahren kann man in Lunahuaná absolut nix tun. Und ach, war das wundervoll.

Peru und… Tanzen

Februar 14, 2011

Kopfrechnen. Bügeln. Rechnungen sortieren. Volleyball spielen. Zwiebeln schälen.

Dinge, die ich ziemlich kacke finde.
Die mir auf den Zeiger gehen und die im einen oder anderen Moment meines Lebens nötig werden oder wurden.
Und die ich zur Not tun kann.

Tanzen.

Eine Tätigkeit die ich nicht nur hinreichend kacke finde, zu der ich auch kategorisch unfähig bin.
Eine Tätigkeit, die ich 26 Jahre lang mehr oder weniger erfolgreich von der privaten ebenso wie der gesellschaftsnorminduzierten Todo-Liste gestrichen hatte. (Vom obligatorischen Ballettunterricht im Kindergartenalter abgesehen.) Und mit gutem Grund. Wie bekannt, habe ich kein Problem damit, zu entsprechend lauter und gitarrenlastiger Musik mit dem Kopf und in ganz wilden Momenten vielleicht auch dem Hintern zu wackeln. Das Konzept des Tanzschrittes hingegen habe ich nie als Teil meines Erfahrungshorizontes betrachtet.

Aber dann kam Peru.
Dass man hier auf jeder Feier zu jedem beliebigen Anlass tanzt, ist dem Peruaner so selbstverständlich, wie dem Deutschen das Klugscheißen. Sätze, die mit „Ich kann nicht…“ oder „Ich möchte nicht…“ anfangen, werden einfach nicht gehört und so reiht man sich in den Reigen der Bierglasschaumausschüttler, trinkt sich ein paar Nerven an und beginnt zu wackeln. Mit dem Opa, mit dessen 3-jährigem Enkel, mit dem Schwager, der denkt er spräche Deutsch und unbedingt mit dem Mädchen aus „Chermaniiiiii“ tanzen will.
Das sieht ja auch gar nicht so schwer aus. Rechts-Mitte-Links-Mitte, so tanzt sich zur Not fast alles: Salsa, Merengue, Cumbia. (Wie zB Cumbia von Grupo 5, läuft garantiert auf jeder Party.)

Und trotzdem wirken die Peruanerinnen dabei elegant und stolz und unsereine wie Fallobst. Oder noch schlimmer: Die armen Tröpfinnen, die denken, sie hätten es voll raus, exzessiv mit dem Po in Bodennähe rumwedeln und wie epileptische Hampelmänner wirken. (Die Männer wirken übrigens alle einfach nur total schwul, vor allem beim Salsa.)
Nicht zuletzt liegt das daran, dass die Kunst des Latino-Tanzes nicht in komplexer Motorik liegt, sondern darin, Bewegungen, wie bei uns als anrüchig und aufreißerisch empfunden werden, mit Beiläufigkeit und im Takt auszuführen. Dazu gehören kreisende Hüften und wackelnde Schultern, leidenschaftliche Drehungen und eine herausgestreckte Brust. Dinge, deren Ästhetik in Europa verkannt wird – oder überbewertet, weswegen der Zeitgeist sie seit einigen Jahrhunderten als unanständig abstempelt. Zumindest auf Opas Geburtstag. Und an Orten, die ich normalerweise aufsuche wirken sie dann bestenfalls peinlich. („Oh Gott, ham die wieder die Kinder reingelassen, die im A1 rausgeflogen sind?“)

Meine Gastfamilie hat mir jedoch zu keiner Zeit ein Entrinnen ermöglicht. Schließlich tanzen sie alle leidenschaftlich, allen voran Gastvater Ciro. Und der tanzt besonders gerne mit seinen Töchtern, man will ja zeigen, was man hat und für die „hija postiza alemana“ wird keine Ausnahme gemacht. Aus anfänglichem unsicherem Marschieren von links nach rechts, wurden hilflose Versuche, ein bisschen weniger europäisch zu wirken und irgendwann war es mir dann egal, wie ich wirke, es interessierte ja auch sonst niemanden, ich wurde trotzdem auf die Tanzfläche gezerrt. Inzwischen tanze ich freiwillig Salsa, trete dabei niemandem mehr auf die Füße und das Schmunzeln, Fingerzeigen und wohlwollende Schulterklopfen haben auch abgenommen. Nur die Clowns bei der Hora Loca haben es immer wieder auf die arme Gringa abgesehen. Da bleibt dann nur die Chance, entweder irgendwo eine Perücke und eine Maske zu finden, oder was Stärkeres, als Bier.
Nach eingehendem Beobachten der wackelnden Massen geht einem irgendwann auf: Die meisten hier können es auch nicht wirklich. Sie sind nur nicht so verklemmt wie die Deutschen und tun es trotzdem. Denn es geht gar nicht darum, von anderen dabei gesehen zu werden, dass man gut tanzt, sondern darum, nicht den ganzen Abend wie das sprichwörtliche Stangenhuhn in den Sessel gekrallt dazusitzen und Nüsschen von den herumgereichten Tellern zu klauben.

Eine atemberaubende und weitgehend augenkrebserzeugende Variante der südamerikanischen Partyästhetik ist jedoch der Raggaeton. Dabei handelt es sich um eine Fusion aus HipHop, Raggae und Latino-Schnulzmucke, die beim Lauftraining für die unmotivierte Langeweile nach den ersten 45 Minuten geeignet ist, und deren Rhythmus an kölner Karneval erinnert.

Das sehen peruanische Teenies ähnlich und die Mädels fühlen sich vom Hummtata dazu animiert, dem nächstbesten pickeligen Typen ihren Hintern in den Schoß zu pressen und dann damit vor uns zurück zu wackeln. (Siehe Video, es ist nicht übertrieben!) Es ist hier zwar undenkbar, dass der Freund bei seiner Freundin übernachtet, aber solche Dinge lassen sich ohne weiteres auch im Supersandwich als Gruppentanz aus 10 bis 12 obszön zusammengeklebten Aknemonstern durchführen. Und wieder fragt die arme Deutsche verzweifelt, ob noch Pisco da ist.

Und wartet bis wieder Salsa gespielt wird. Ist definitv irgendwie angenehmer, als Zwiebeln schälen.

Peru und… Bier

Februar 14, 2011

Ein paar Notizen zum peruanischen Bierkonsum:
Daheim wird nicht getrunken, nicht zum Essen, nicht zum Fernsehen.
Es sei denn, man hat Gäste, dann trinkt man zum Betrinken.
Oder man ist Gast, dann trinkt man auch zum Betrinken.

In Peru gibt es entweder gar keinen Alkohol oder man muss sich wirklich anstrengen, wenn man stattdessen gerne ein Glas Wasser hätte.

Es gibt auch keine Bierflaschen oder Bierdosen für eine einzelne Person und es gibt auch kein eigenes Bierglas für eine einzelne Person. Stattdessen wandert die Halbliterflasche mit einem Glas durch den Raum: Jeder schenkt sich nacheinander ein paar Schlucke ein, prostet allen zu, trinkt, schüttelt den zurückgebliebenen Schaum neben sich auf den Fußboden und gibt das Glas weiter.
Wunderbar, nach spätestens einer halben Stunde hat man völlig den Überblick verloren, wie viel man schon intus hat. Siehe oben.
Schaum gibt es jede Menge, denn Bier schüttet man hier ganz klug senkrecht von oben ein. Voll die knorke Idee, wenn 30 Leute auf das eine Glas warten.

In Peru gibt es zahlreiche Biersorten, die meisten davon Pils und durchaus trinkbar. Am besten schmeckt Cusqueña, Pilsen und Cristal sind auch okay und Brahma trinkt man, wenn der Gastgeber wirklich kein Wasser da hat.
Es kursiert das Gerücht, dass deutsches Bier ungefähr so viel Alkohol hätte, wie Schnaps. Irgendwer war wohl mal auf’m Oktoberfest und hat es nicht vertragen…

Frauen trinken generell nur süße „Tragitos“ mit Pisco, die Bierflasche wird meistens kommentarlos an uns vorbei gereicht, bis frau protestiert. Ich erkläre dann immer entschuldigend, dass Biertrinken in Deutschland für alle normal ist, bringe den Herren das Wort „Prost“ bei und erkläre, wieso man sich beim Anstoßen anschauen muss. Sie wissen es ja nicht, armes Volk und trotzdem so viele Kinder.

Universitario – Juan Aurich: 0-0

Februar 13, 2011

Nachdem ich ein Jahr lang fast direkt neben dem Stadion einer der wichtigsten peruanischen Mannschaften, Universitario Lima, gelebt habe, wäre es eine Schmach gewesen, nicht auch mal ein Spiel besuchen. (Dass ich auch fast mein ganzes restliches Leben in Deutschland verbracht habe und noch nie bei einem Bundesliga-Spiel war, steht auf einem anderen Blatt.) Da auch Gastpapa Ciro treuer Fan von „la U“ ist, war es nicht schwer, eine Begleitung für das gestrige Saisonseröffnungsspiel gegen Juan Aurich zu finden (bzw er war froh, eine zu haben). Die peruanische Stadienkultur hat einen berüchtigten bis schlechten Ruf und wenn „la U“ spielt, werde ich in der Regel aufgefordert, lieber nicht vor die Tür zu gehen. Und tatsächlich begaben wir uns in einen Strom aus Piranhas (Jugendbanden) und anderer finsterer Gestalten, immer umzingelt von bis unter die Zähne bewaffneten Polizisten, von denen aber alle wissen, dass sie im Ernstfall lieber zuschauen werden, als die eigene Haut zu riskieren. Auf dem Weg zum Stadion (sonst meine Jogging-Route) reihten sich die Ambulantes (Straßenhändler) mit ihren 1-Sol-Angeboten an gebratener Leber, Arroz Chaufa und natürlich Bier und Chicha aneinander, Mototaxis quetschen sich durch die Menge und alte Männer verticken Stirnbandagen, bescheuerte Hüte und gefälschte Trikots. An irgendeinem Punkt fingen Ciro, Nadia und Nadias Kumpel Maykol plötzlich an zu laufen. Eine irre lange Schlange in „Crema“ gehüllter Figuren (beige und bordeaux sind die Vereinsfarben) rannte im Laufschritt bei all dem Gedränge erstaunlich geordnet durch ein kleines Tor, vorbei an einigen Polizisten. Wir wurden von der Seite durchgewunken, weil Familien Sonderrechte haben. Soso. Wenig später fanden wir uns auf der Nordtribüne des relativ neuen Stadions wieder. Fast alle hielten Luftballons mit dem Symbol von la U in der Hand, zig Fanclubs gaben sich anhand selbst designter Tshirts zu erkennen und am äußeren Ring des Stadions stimmte sich der harte Kern der Tribüne mit lauten Schlachtrufchören ein, ehe eine Masse aus mehreren hundert Crema mit Flaggen und Feuerwerkskörpern geschlossen auf die Mitte der Tribüne einlief und Applaus empfing, als seien sie die Mannschaft selber. Zwischen all dem schlängelten sich Verkäufer mit riesigen Säcken voller 50-Centimos-Tütchen mit Popcorn, Sandwiches, Cola und Erdnüssen durch die Menge. Bier wird nicht verkauft, ist auch besser so, weil alles kifft, wie besessen.

vrnl Maykol, Nadia, Ciro und ich im Stadion. Und ja, wir haben uns alle gewundert, dass Ciro den Mut hatte, seine Kamera mitzunehmen. Und dass sie am Ende noch da war.

Feuerchen und Fandeko an der Osttribüne

Vielleicht war ich von all dem ja auch nur so beeindruckt, weil ich seit Jahren in keinem Stadion mehr war. Ich glaube, das letzte Mal war echt ein Spiel der NY Yankees in den USA. Vereinssongs, kreative Beleidigungen für die Gegenseite und schlaffe Spieler der eigenen Seite sind gewiss ein internationales Phänomen. Aber ich bin recht sicher, dass in deutschen Stadien keine Unmengen an mit Chilipulver rot gefärbten Rauchfackeln durch die Menge getragen und am laufenden Band selbstgebaute Chinaböller gezündet werden. Und dass es irgendwo im Stadion eine funktionsfähige Uhr oder Spielstandanzeige geben wird. Nach 90 Minuten hatten sich die völlig überforderten Juan Aurich wie durch gleich mehrere Wunder immer wieder vor einem Tor retten können und die Fanclubhärtesten schwangen sich geknickt ob des unverdienten 0-0 über die meterhohe Stacheldrahtabsperrung um ihre auf der Spielfeldseite angebrachten Flaggen und Transparente abzupflücken.
Erfreulich unbehelligt schlenderten wir nach hause und waren froh, dass wir uns dazu nicht in einen der hoffnungslos überfüllten Busse quetschen mussten.
Und was haben wir gelernt? Dale dale dale!!!! Den roten Rauch nich einatmen, und immer dran denken: Im Zweifel wird alles verdroschen, ausser kleinen Kindern!

Peru und …Fußball

Februar 13, 2011

Die Peruaner sind große Fußballfans und glauben daher meist, gleich ein wunderbares Thema für eine Unterhaltung mit einer Deutschen gefunden zu haben. Das trifft bestimmt auch auf viele Deutsche zu. Nicht aber auf mich. Ich schaffe es gerade, nicht überrascht zu sein, wenn man mich darauf hinweist, dass Kaiserslautern einen Bundesligaverein hat. Aber die Peruaner können im Gegensatz zu den Deutschen ja auch kostenlos Bundesliga schauen. Sie kennen alle Spielernamen und sprechen sie (außer solche wie Farfan, Pizarro und Guerrero) alle falsch aus.
Ich habe, nicht zuletzt während der Fußball-WM letztes Jahr, viel Zeit damit verbracht immer wieder „Schweinsteiger“ zu sagen. Hier heißt der Gute mehr oder weniger „Esswenes-teeeeger“ aber dank meiner wissen jetzt alle, dass man ihn am besten Schweini nennt, weil er so unglaublich kacke aussieht. Ein weiterer Klassiker ist die Frage, was denn Klose (Klossä) gesagt habe, nachdem er im ersten WM-Spiel eine Torchance versemmelt hatte. Das Fernsehen zeigte ihn – schätzungsweise international – in Großaufnahme, als er gerade herzhaft „Scheiße!!“ brüllte. Das hat die Peruaner so nachhaltig beeindruckt, dass ich auch heute noch auf Partys gefragt werde, was er denn da von sich gegeben habe. Und so trage ich immer aufs Neue ein wenig deutsche Fluchkultur ins Land. Entsetzlicherweise sind die meisten hier eingeschweißte Fans vom FC Bayern, bzw. „Muuuunitsch“. Ich habe, wie erwähnt, keine Ahnung von Fußball, weiß aber doch, dass es bestenfalls CDU/CSU-Wählern oder Tipprundenklugscheißern, nicht aber Fußballfans gestattet ist, die Bayern zu mögen.
Aber auch eigene Vereine verehren die Peruaner ausgiebig, die bekanntesten in Lima sind da wohl Universitario Lima (la U), Alianza Lima (wurden mir als „el enemigo“, also „der Feind“ vorgestellt) oder die Callao Sportsboys. Fußballspiele gleichen großen Straßenfesten, denen man sich wegen der recht hohen Wahrscheinlichkeit zusammen geschlagen zu werden, besser fernhält, wenn man nicht wirklich teilnehmen möchte. Das liegt zum einen daran, dass die Spieler mit gutem Beispiel voran gehen und sich gegenseitig oder gemeinsam das Schiedsrichterteam gerne mal auf dem Platz vermöbeln. Zum anderen besäuft sich trotz der verhältnismäßig niedrigen Ticketpreise (je nach Gegner ab 5 Soles, also 1,20€ oder „gefühlte“ 8€) ein guter Teil der Fans vor dem Stadion und langweilt sich dort unter Umständen. Und dann werden die Spiele natürlich von zahllosen Banden besucht, die ihr Fan-Dasein gerne mit dem einen oder anderen Raubzug kombinieren (Person zu vielen im Kreis umzingeln, mit Messer bedrohen, auffordern, sich bis auf die Unterhose auszuziehen und alles mitnehmen). Die von allen am allerwenigsten zu empfehlende Kombination ist sicher der Classico. So heißen die Spiele, bei denen „la U“ gegen Alianza antritt. Beim letzten Classico im Stadion von Universitario saß ich zwei Stunden vorher etwa 2 km entfernt in einem Cafe und konnte beobachten, dass der Verkehr stehen blieb, weil mehrere hundert Fans im Pulk zu Fuß von La Victoria nach Ate gestiefelt kamen und dabei eben mitten auf der Straße wanderten. Ich hätte besser auf die alte Frau gehört, die an meiner Haustür vorbeihuschte, als ich das Haus verließ und mir zurief „Señorita no salga!!!“. So traute ich mich dann mit gutem Grund bis zum späten Abend nicht heim… Wie dem auch sei. Fußball ist definitiv ein Hobby, dass die Nation eint. Beim Zuschauen, ebenso wie beim Spielen. Also Daumen drücken, dass sie diesmal die Quali für die nächste WM schaffen. Die können dann ja auch zeitzonentechnisch endlich mal alle schauen. Und so ein unfähiges Arschloch, wie hier alle sagen, kann Pizarro doch gar nicht sein…

Peru und… Zeit

Februar 6, 2011

Zeit, mich mal über ein paar klassische Kulturbeobachtungen nach nunmehr fast einem Jahr Peru auszulassen.
Und wenn etwas gibt, das die gediegene Deutsche nach wenigen Tagen bereits ausgiebig zur Kenntnis genommen hat, dann das recht unterschiedliche Verständnis von Pünktlichkeit und Zeit, das hier herrscht.

In Peru gibt es nämlich die „hora peruana“, die Peru-Zeit. Das nennen die hier selber so. Hora Peruana heisst: Man nennt eine Uhrzeit und kommt dann, wann man will. Warum verabredet man sich denn dann zu ner bestimmten Zeit? Na, damit klar ist, zu welchem Zeitpunkt man auf jeden Fall noch nicht da ist. Eine weise deutsche Zuspätkommerin erklärte mir mal, dass das Problem des habituellen Zuspätkommens vor Allem darin liege, dass die Betroffenen vergessen, dass Verabredungen in aller Regel auch eine mehr oder minder zeitintensive Anreise erfordern, die dann entsprechend vorher angetreten werden sollte. Und tadaaaaa: Als wartende Person kann man in der Regel sicher sein, dass die peruanische Verabredung sich frühestens zur abgesprochenen Zeit überhaupt erst auf den Weg macht.
Vorher aber noch „schnell“ mit jemand anders Essen gehen, einen spontan dazugestoßenen Kollegen am anderen Ende der Stadt einsammeln oder keine Lust haben, sich schnell zu bewegen, sind aber auch völlig im Rahmen. Bei Verabredungen mit Freunden ist eine Stunde Verspätung gepflegtes Minimum. Macht nix, das gibt einem immer viel Zeit, sich umzusehen, oder neue Leute kennen zu lernen, die einen anquatschen, weil sie sich fragen, welcher Depp denn so früh kommt, dass er ne Dreitviertelstunde auf seine Freunde warten muss.
Dieser fehlende Drang zur Pünktlichkeit äußert sich natürlich auch in generellem Planungsverhalten. Man plant generell nicht. Also doch, man plant ganz viel. So, wie man für alles Uhrzeiten ausmacht, gibt es auch für jeden Rotz Deadlines. Und dabei bleibt es dann. Da sagt der Chef halt zum Beispiel: Mach das bis Ende Dezember. Und dann macht man das einfach nicht. Und dabei bleibt es dann. So bis Ende Juli. Wenn man sich beeilt.
Unser aller AFS-Kunden-Lieblingsbeispiele sind natürlich die Gastfamilien, die es bei unserer Ankunft in Peru nicht gab, weil man irgendwie vergessen hatte, dass es doch ganz cool wäre, sich um sowas zu kümmern, bevor wir im Land sind. Oder die Flughafeneskorte bei unserer Ankunft, die ne runde peruanische Stunde zu spät kam, während wir übermüdet und ohne Kontaktdaten am Flughafen lungerten.
Aber die Nation ist sich der Problematik wohl bewusst und versucht, dem entgegen zu steuern. Mittel der Wahl sind dazu so dolle Regeln, wie sie für meine bezahlten Kollegen auf der Arbeit gelten: Um 9:30h ist Arbeitsbeginn und man kann sein Karte stempeln von 9:25h bis 9:30h. Wenn das nicht klappt, weil man zB aufgrund des grauenvollen und unberechenbaren Verkehrs in Lima und des ständigen Nichtkommens der Busse im Slum erst um 9:31h da ist, wird der ganze Tag nicht bezahlt und ein Urlaubstag gestrichen. Ich kommentiere das nicht näher. Oder zumindest nicht jetzt, aber irgendwann gibt es bestimmt auch mal ein „Peru und …Mitdenken“!